Am 25. Oktober 2018 kam Frau Henrietta Kretz zu uns an die Schule nach Altroßthal. Mehrere Klassen, darunter das Berufliche Gymnasium und die Fachoberschule, hatten sich versammelt. Vor Beginn war die Kulisse von umher wuselnden Schülern und Lehrern geprägt, Stühle wurden auf dem Parkett quietschend umher geschoben, überall raschelte und tuschelte es.

Doch als die kleine alte Dame das Mikrophon ergriff und mit ihrem leicht gebrochenen Deutsch begann ihre tragische Lebensgeschichte zu erzählen, kehrte Ruhe ein. Anfangs erzählte sie uns ein wenig über ihre Familie. Ihren Vortrag konnte man anhand von Fotographien und Landkarten in einer Powerpoint Präsentation gut nachvollziehen und so ergab sich allmählich ein Bild der Situation damals in Polen. Sie nahm uns mit auf eine Reise und schilderte ganz sachlich und ruhig das Geschehen, welches ihre Familie zum Holocaust erleben musste.

Es war eine Reihe von Versteckspielen, in Kellern, auf Dachböden, eine Zeit des ewigen Wartens, der Ungewissheit, der Verwirrung. Sie war damals noch ein kleines Mädchen gewesen. Nach dem Tod ihrer Eltern fand sie ein neues zu Hause in einem Waisenhaus. Bald nach dem Krieg schloss sie sich ihrem Onkel an, dem, neben ihr, letzten Überlebenden der Familie, mit dem sie nach Antwerpen ging. Es war schon erschreckend zu sehen, wie sich diese Vielzahl von Menschen, von ihren Großeltern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins, die wir anfangs zu Gesicht bekommen hatten, auf zwei Individuen beschränkte.

Als sie mit ihrer Geschichte fertig war, hatten wir noch die Möglichkeit Fragen zu stellen, wobei sich erneut interessante Gespräche ergaben. Zum Schluss bat sie noch eine Schülerin ein Gedicht vorzulesen. Es wurde ihr von einem Mann gewidmet. Ihn hatte sie damals in einem Gefängnis, in dem sie zwischenzeitlich war, kennengelernt und zwar als Neugeborenes. Die Wächter hatten ihn in ihre Zelle geworfen, wo sie ihn in ihren Mantel einwickelte und bei ihrer “Entlassung“ den jüdischen Frauen überließ, mit denen sie zusammen dort war. Dieser Mann war als später ins gleiche Waisenhaus gekommen wie sie damals, worüber sie sich letztendlich auch wiederfanden. Bei einem erneuten Zusammentreffen übergab er ihr die Zeilen, welche unter anderem von dieser Nacht berichteten.

Das erstaunenswerteste an dieser Frau war ihre Kraft und ihre Lebensfreude. Nachdem die Veranstaltung unter tosendem Beifall beendet worden war, fragte ich sie noch, ob sie den Leuten verziehen hätte, die ihr das angetan hatten und sie antwortete, dass sie es noch in dem gleichen Zeitpunkt getan hatte, in dem es passierte. Es waren letztendlich doch alle nur Menschen und sie wüsste nicht wie sie in der Situation der “Gegenseite“ reagiert hätte. Ohne ihre Geschichte wäre sie nicht die Person, die sie heute ist und sie freut sich so lang wie möglich dieses Wissen weitergeben zu können.

Luise L. und  Maren M.
(FOS 17)

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