Vom 25.6. bis 29.6.2012 fuhren die Auszubildenden des 2. Lehrjahres im Beruf Pferdewirt auch in diesem Jahr wieder auf eine einwöchige Fachexkursion, welche uns diesmal nach Niedersachsen (Verden und Umgebung) führte. Ziel dieser Reise ist es, mit den Auszubildenden verschiedene führende Einrichtungen aus Pferdezucht und –sport zu besuchen und ihnen so ein umfassendes Bild über das Berufsbild Pferdewirt und seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten zu vermitteln, sowie auch Kontakte zu potentiellen späteren Arbeitgebern herzustellen.

Wie nebenbei erhalten die Auszubildenden aus erster Hand umfassende Informationen. Von betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen über modernste Haltungs- und Fütterungssysteme oder neueste Zuchtfortschritte bis hin zu den unterschiedlichsten Reitweisen wird alles anschaulich an der Praxis erläutert und begutachtet. Diese Fachinhalte untermalen und ergänzen den berufstheoretischen Unterricht in der Schule sehr intensiv und sind in Sachsen inzwischen unverzichtbarer Bestandteil der Ausbildung am Beruflichen Schulzentrum für Agrarwirtschaft und Ernährung in Dresden geworden.

Der erste Tag führte uns auf das Gestüt Eckershausen in Steyerberg, welches sich der Zucht und Ausbildung von Westernpferden verschrieben hat. Die Betriebsleiterin Frau Dreyer-Süchting führte uns über den landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit ca. 20 ha Grünland, einer weitläufigen, sehr pferdegerechten Offenstallhaltung und einem beeindruckenden, in die Landschaft eingefügten Trailbereich. Sehr anschaulich wurden uns die Pferde der einzelnen Westernrassen an der Hand vorgestellt und die wichtigsten Punkte der Zucht von Westernpferden erläutert. Als absoluter Höhepunkt des Tages begeisterte Sohn Lars mit der Vorstellung eines Quarter Horse Hengstes unterm Sattel, mit welchem er uns die wichtigsten Reining-Elemente vorführte. Vor allem von den schnellen Spins und den sliding Stops, ausgeführt auf leichteste Hilfengebung von einem Deckhengst im Beisein der eigentlich zu bedeckenden Stute, zeigten sich alle sehr beeindruckt. Nach reichlich 1,5 Stunden mussten wir leider von dieser wunderschönen Anlage wieder Abschied nehmen, das Abendessen in der Jugendherberge Verden wartete…

Der Dienstag begann mit einem Besuch des Verbandes der hannoveranischen Pferdezüchter in Verden. Hier entstand nach 2jähriger Umbauzeit ein Trainings- und Vermarktungszentrum, welches europaweit seinesgleichen sucht. Frau Britta Züngel, im Verband zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, führte uns über das weitläufige Gelände und stellte uns die umfangreichen Aufgaben und das Vermarktungskonzept für die Züchter des Verbandes sehr anschaulich vor. Wir besuchten das Auktionsgelände und durften den Bereitern bei ihrer täglichen Arbeit mit den Pferden über die Schulter schauen, staunten über die herrliche Anlage mit mehreren Dressur- und Springplätzen, einer Galopprennbahn, einem Reitstadion und einer Tölt- und Passstrecke für Islandpferdeprüfungen und durften sogar die EU-Besamungsstation Aller-Weser besichtigen. Dort hatten wir das Glück, „Lissaro van de Helle“, einem absoluten Ausnahmehengst, welcher dreimaliger Bundeschampion war, bei der täglichen Arbeit unterm Sattel zusehen zu können. Die 2 Stunden auf dieser beeindruckenden Anlage vergingen wie im Fluge und es wurde bereits Zeit sich auf den Weg zu unserem zweiten Ausflugsziel zu machen.

Während der kurzen Busfahrt wurde das Erlebte heiß diskutiert, bis wir auf den bäuerlichen Familienbetrieb der Familie Clasen in Hiddestorf einbogen. Uns empfing auf einem wunderschönen Hof mit herrlich alter Bausubstanz die gesamte Familie Clasen inklusive Hofhund sehr herzlich. Neben der Zucht hannoveraner Pferde betreibt Herr Clasen auch noch einen Schweinemastbetrieb. Auch hier gefiel uns besonders die durchdachte und sehr pferdefreundliche Haltungsform der Stuten mit ihren Fohlen. Von Anfang an wird auf ausreichend Bewegung bei jedem Wetter und jeden Bodenverhältnissen geachtet um gesunde, leistungsstarke Pferde heranzuziehen. Beim Anblick der weitläufigen Koppel mit der Stutenherde und ihren Fohlen schlugen alle Herzen höher. Als wir dann die Koppel auch noch betreten durften und das Ehepaar Clasen uns jedes einzelne Fohlen vorstellte, leuchteten die Augen und es entstand schnell eine einzige große „Menschen-Pferde-Herde“, in der sich einige gleich in das eine oder andere Fohlen verliebten... Nachdem wir dann alle noch bei kühlen Getränken zusammen waren und alte Fotos herausgeholt wurden, die Geschichte der Zucht der „Clasen-Pferde“ die Runde machte und eine angeregte Fachsimpelei in Gang kam, fiel der Abschied entsprechend schwer.

Aber wir mussten wieder los - noch ein drittes Highlight stand an diesem Tag auf unserem Plan. Wir besuchten das Vollblutgestüt Fährhof, eines der größten und erfolgreichsten deutschen Gestüte für Englische Vollblutzucht. Auch hier führte uns Gestütsleiter Herr Ullrich über die Anlage, welche europaweit erfolgreiche Rennpferde hervorgebracht hat. Ehrfurchtsvoll standen wir vor den Gedenksteinen so großer Rennpferde wie Surumu, Acatenango und Literat. Die 3 aktiven Zuchthengste des Gestütes wurden uns nacheinander an der Hand vorgestellt und ernteten manch bewundernden Blick. Da die Stuten mit den Fohlen sich auf dem weitläufigen Gelände verteilt hatten und sich somit unseren Blicken entzogen, bot Herr Ullrich an, mit uns noch den Rennstall des Gestütes zu besuchen. Dort erwartete uns bereits Herr Simon Stokes, welcher für die Ausbildung und das Training der Pferde zuständig ist. Nicht schlecht staunten wir, als uns die luftigen Ställe mit Windschutznetzen, die weitläufige Außenanlange mit Trainingsbahn und der Round Pen für das Anreiten der Vollblüter präsentiert wurden. Es hat wohl keiner von uns erwartet, dass die Vollblüter nach der Methode von Monty Roberts angeritten und gearbeitet werden. Nachdem wir dann noch die Trainingsstartmaschine und die Ausrüstung von Rennreiter und Pferd bestaunen durften, stiegen alle doch recht geschafft und voll von den Eindrücken des langen Tages in den Bus zur Rückfahrt nach Verden.

Auch am Mittwoch wartete ein umfangreiches Programm auf uns. Der Tag begann mit dem Besuch des Hannoveraner Zuchtgestütes Pilz in Lilienthal, welches sich ganz dem Beritt und der Ausbildung von nationalen und internationalen Zucht- und Sportpferden verschrieben hat. Wir waren beeindruckt, wie freundlich und offen wir von Herrn Pilz und seinen Mitarbeitern sowie den 4 Hofhunden begrüßt wurden. Alle Ställe und Anlagen (70 großzügige und helle Pferdeboxen, 1 Reithalle 20x40m, Freilaufführanlage mit integrierter Longierhalle, Paddocks und Weiden auf insgesamt reichlich 18 ha, Außenanlage mit Dressurviereck 20x60m und Springplatz, 800m Rennbahn) standen uns offen und wir durften uns frei darauf bewegen und alles genau in Augenschein nehmen. Für die Auszubildenden eine neue und sehr gelobte Erfahrung. Nach dem Rundgang auf der herrlichen Anlage standen bereits in der Reiterstube Getränke und eine kleine Stärkung bereit, während in der von dort einsehbaren Reithalle jeweils 2 jüngere und 2 ältere Dressur- und Springpferde präsentiert wurden. Sowohl Herr Pilz als auch seine engagierte junge Bereiterin nahmen sich viel Zeit um in individuellen Gesprächen mit den Auszubildenden zu fachsimpeln. Auch hier wurden uns wieder Perspektiven und die guten Aussichten für eine berufliche Zukunft in der Pferdebranche aufgezeigt. Alle waren rundum begeistert und man hörte nicht nur einmal, dass mancher am liebsten gleich dort geblieben wäre…

Am Nachmittag wurden wir dann auf dem Gestüt Famos in Syke-Wachendorf von Gestütsleiter Helmut Klein bereits erwartet. Die parkähnliche, weitläufige Anlage erntete manch bewundernden Blick und Herr Klein führte uns humorvoll über die Anlage mit Sportstall und Deckstation. Leider waren die Bereiter und ein Teil der Pferde bereits auf dem Turnier und konnten uns so nicht vorgestellt werden. Trotzdem waren wir von den anwesenden Hengsten beeindruckt und manch einer beschloss, sich nie wieder die Hände zu waschen, nachdem er Contendro I, den Ausnahmebeschäler und Prämienhengst streicheln durfte. Nach diesem erlebnisreichen Tag ergab sich abends die Möglichkeit zu einem gemütlichen Beisammensein mit ehemaligen Lehrlingen aus Sachsen, welche recht zahlreich im Bereich Verden eine Arbeitsstelle gefunden haben. Ein reger Austausch über die aktuelle Arbeitsmarktsituation und auch fachliche Diskussion entwickelte sich und wurde bis spät in den Abend fortgeführt. Hier zeigte sich wieder einmal, dass die solide und fachlich qualifizierte Ausbildung der Pferdewirte in Sachsen für die Jugendlichen ein guter Grundstein für das spätere Berufsleben ist.

Noch etwas müde aber hoch motiviert starteten wir in den Donnerstag. Auch hier standen wieder drei spektakuläre Stationen auf dem Programm. Der erste Weg führte uns ins Deutsche Pferdemuseum in Verden, in welchem wir bei einer Führung viel Wissenswertes über die Geschichte des Pferdes im Allgemeinen und in Deutschland speziell erfuhren. Besonderes Highlight war hier die Sonderausstellung „1912-2012. Stockholm-London. 100 Jahre Leistungssport mit Pferden- Galerie der Besten“, welche die Entwicklung des Pferdes im Sport sehr anschaulich darstellt. Ausgangs- und Endpunkt dieser Zeitreise durch die Welt des internationalen Pferdeleistungssports sind die Olympischen Reiterspiele 1912 in Stockholm und 2012 in London. Anhand prägnanter Zeitstempel, besonders charakteristischer Ereignisse, spannender Geschichten über herausragende Pferde und Sportler sowie die „Macher“ im Hintergrund wie zum Beispiel Trainer, Mäzene und Veranstalter werden diese 100 Jahre in der Ausstellung interessant und einprägsam erzählt – da sah man viele staunende und ehrfurchtsvolle Gesichter…

Als nächstes wurden wir bereits auf der Hengststation Kathmann in Vechta erwartet. Hier begrüßte uns der Inhaber des Hofes, Martin Determann. Sehr offen und freundlich präsentierte er uns seinen Betrieb, welcher mit 3 Reithallen, einem Besamungsraum, den vielen Stuten, die zum Besamen da waren, seinen 2 privaten Hengsten und 15 Hengsten, dessen Sperma er mit vertreibt, sehr imposant für uns war. Besonders beeindruckt waren wir hier über die sehr schön angelegte und pferdegerechte Anlage, die 40ha Grünland, welche nebenbei auch noch  bewirtschaftet werden, und den gewachsten Reithallenboden, der keinerlei Bewässerung nötig hat, und der selbst für unseren Reithallenbodenspezialisten Herrn Stockmann in dieser Form völlig neu war.

Die letzte Station an diesem Tag war ein Besuch der Tierklinik Lüsche, einer Spezialklinik für Pferde in Bakum. Auch hier wurden all unsere Erwartungen wieder übertroffen. In jeden Winkel der Klinik ließ uns Frau Kämmerer, die uns führte, schauen und erklärte alle Apparate und Vorrichtungen genau. So erfuhren wir, wie Fohlen durch Embryotransfer entstehen, wie ein MRT und die Szintigraphie für Pferde funktionieren, welche Operationen durchgeführt werden, wie die Narkose beim Pferd abläuft, wie man es schaffen kann, selbst gebrochene Beine wieder zu heilen und vieles mehr. Entsprechend begeistert fuhren wir am Abend vom Hof und fieberten alle gemeinsam dem Halbfinale der Deutschen bei der Fußball-Europameisterschaft entgegen. Leider wurde das der einzige Punkt, der uns in dieser Woche enttäuschen sollte…

Am Freitag mussten wir bereits früh die Jugendherberge verlassen und machten uns voller Eindrücke von einer erlebnisreichen Woche auf die Heimfahrt. Unterwegs konnten wir bei einem Zwischenstopp noch die fürstliche Hofreitschule in Bückeburg besichtigen. Hier wird die barocke Reitkunst, die vielerorts kaum noch bekannt ist, erhalten und wiederbelebt. Schloss Bückeburg war im 18. Jahrhundert ein namhaftes Reitkunstzentrum, Heimat der einst berühmten „Pferde Bückeburger Rasse“. Der Stall wurde 1608 erbaut und brannte 1901 aus. Seit 2004 ist die Fürstliche Hofreitschule wieder eröffnet. Frau Krischke führte uns durch die Originalstallungen mit hochprämierten Hengsten der Barockrasse wie Lipizzaner, Andalusier, Berber, Lusitano, Knabstrupper, Fredericksborger und Geneten und stellte diese doch eher seltenen Rassen sehr ausführlich und mit kleinen Anekdoten aus der täglichen Arbeit mit diesen Pferden vor. Im Marstallmuseum wurden uns die Ausstellungsstücke rund um die Historie der Reiterei der ganzen Welt aus fürstlichem Besitz und aus Privatsammlungen anschaulich erklärt. Die Krönung war ein kleiner Einblick in die Arbeit dieser Pferde und die barocke Reitweise auf der historischen Reitbahn, welche bei den meisten „Gänsehautfeeling“ ausgelöst hat.

Damit kehrte ein wenig Wehmut ein, da wir unsere letzte Station absolviert hatten und wir zur Heimfahrt in den Bus stiegen. Andererseits brachte uns die Lehrfahrt jede Menge Eindrücke aus den unterschiedlichsten Bereichen der Arbeit rund ums Pferd, die allen Teilnehmern viel Wissenswertes, manches Neue, aber auf alle Fälle jede Menge Motivation für ihre weitere Laufbahn mit auf den Weg geben.

Herzlich bedanken möchten wir uns bei allen Betrieben und Einrichtungen, die uns ihre Tore geöffnet haben und uns mit offenen Armen empfingen bzw. hinter die Kulissen blicken ließen.

A. Habich

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